Kinderfreundlichkeit - Familienförderung - Lebensfreude

Gedanken von Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Mazal

Univ.Prof. Dr. Wolfgang Mazal für aktion leben tirol

Viele westliche Gesellschaften stehen vor dem Phänomen, dass die Menschen sich mehr Kinder wünschen, als sie in die Welt setzen. Der Kinderwunsch ist deutlich höher als seine Realisierung. Auch wo diese Gesellschaften - wie auch die österreichische - mehr oder weniger viel Geld in die Hand nehmen, um im Rahmen von Familienförderung das Ja zum Kind zu erleichtern, bleiben die gewünschten Effekte oft aus. Hier wird oft ein Versagen der Familienpolitik geortet und - je nach politischem Standpunkt - eine höhere Familienbeihilfe oder mehr Geld für Kinderbetreuungsplätze gefordert, und dann geht man zur Tagesordnung über und sieht weiter zu, wie die Geburtenrate nicht steigt.

Aus meiner Sicht ist der Schlüssel zu einer Veränderung der Situation weder auf der einen noch auf der anderen Seite: Letztlich geht es nämlich darum, ob eine Gesellschaft akzeptieren kann, dass die Familien heute eine Vielfalt von Unterstützungen brauchen, um die Betreuung von Kindern sowohl zu Hause als auch in außerfamilialen Situationen zu gewährleisten. Ich sehe in dieser übergeordneten Akzeptanz von Lebensmustern auch die große Trennlinie zwischen Staaten mit relativ hoher und relativ niedriger Geburtenrate:

• Wenn in Skandinavien (wo Geburtenrate und Frauenerwerbstätigkeit höher sind als in Österreich) ein Lebensmuster, das den Doppelverdienst gesellschaftlich akzeptiert, gestützt wird,

• und wenn in Irland (wo die Geburtenrate sogar höher ist als in Schweden, obwohl die Frauenerwerbsquote niedriger als in Österreich ist) auch die Familie, bei der nicht beide Partner erwerbstätig sind, obwohl sie Kinder haben, akzeptiert ist,

• wenn in Frankreich (wo die Geburtenrate ebenfalls höher ist als in Österreich) die Erwerbstätigkeit der Frau durch frühe extrafamiliale Kinderbetreuung gefördert wird, gleichzeitig jedoch Familien mit vielen Kindern finanziell so gefördert werden, dass nicht beide Elternteile erwerbstätig sein müssen,
deutet dies darauf hin, dass in diesen Gesellschaften die Akzeptanz dieser Lebensformen zur Reproduktion ermutigt.

Für die Österreichische Gesellschaft - dies mag auch auf andere Gesellschaften zutreffen - lässt sich dem gegenüber konstatieren, dass der politische Prozess dazu tendiert, jedes Lebensmuster als defizitär zu kommunizieren: Mangels umfassender gesellschaftlicher Akzeptanz sehen sich daher junge Menschen vor der Alternative, entweder durch Familiengründung ihre Erwerbsbiographie zu gefährden oder durch ihr Erwerbsverhalten als Rabeneltern abgestempelt zu werden, was die Lust auf Reproduktion nicht erhöhen mag.

Ich bin davon überzeugt, dass à la longue nur Gesellschaften, die Frauen und Männern Mut machen, Verantwortung für Kinder zu übernehmen, und die deren Entscheidungen in der Gestaltung ihrer Familien-, Lebens- und Beziehungsmuster akzeptieren, eine stabile Reproduktion aufweisen werden. Unter diesem Blickwinkel ist aus meiner Sicht wichtig - und insofern kehre ich an den Beginn meines Referats zurück, dass Ausgangspunkt einer solchen Entwicklung nur eine homogene Familienpolitik sein kann. Familienpolitik sollte so gesehen Ansatzpunkt von Mainstreaming anderer Politikbereiche werden: Ich bin davon überzeugt, dass Familienpolitik nur dann eine gute Familienpolitik ist, wenn sie

• für Frauen und Männer gleiche und ausreichende Teilhabechancen in der Gesellschaft bewirkt;

• für die Wirtschaft ausreichende Arbeitskräfte und Konsumenten hervorbringt;

• für gleiche Bildungschancen für alle und damit für das Entstehen von Innovationskraft in der Bevölkerung sorgt;

• gesellschaftliche Kohäsion und Solidarität gewährleistet, usw.

Soweit Familienpolitik wie bis dato weithin Adnex und nicht als Motor anderer Politikbereiche erfahren wird, soweit Familienpolitik sich gar darauf beschränken muss, familienfeindliche Effekte anderer Politikfelder zu reparieren, wird Familie als Ort ständigen Desasters erlebt oder jedenfalls kommuniziert werden. Dass dies für die Ausbildung des Kinderwunsches und für seine Aufrechterhaltung nachteilig sein muss, ist evident.

Erlauben Sie mir daher, am Schluss noch auf eine semantische Problematik hinweisen, die für mich wichtig ist, und auf die ich bereits in vielen Vorträgen hingewiesen habe:
In vielen Ländern wird erkannt, dass die Menschen an ihren Erfahrungen in der Arbeitswelt und in ihrem Familienleben leiden. Sobald sich dies in der Krankenstandsentwicklung, in hohen Scheidungsraten, burn out usw. niederschlägt, erkennen Politik und Führungskräfte Handlungsbedarf und versuchen gegenzusteuern, indem sie die „work/life - balance" verbessern. Ich will durchaus anerkennen, dass das dahinter stehende Bestreben gut gemeint ist, kann jedoch nicht ignorieren, dass der Begriff semantisch eigenartig ist und letztlich einen problematischen Ansatz offenbart: Ist es wirklich richtig, „Arbeit" als die andere Seite der Waagschale und damit gleichsam als Kontrastprogramm zu „Leben" zu sehen? Sollte nicht Arbeit vielmehr als Teil des Lebens begriffen werden und jener Bereich, zu dem die Balance wiederhergestellt werden muss, als „Familienzeit" beschrieben werden? Ich meine, wir sollten uns angewöhnen, an Stelle von „work/life - balance" von „work/family - balance" zu sprechen. Vielleicht gelingt alleine daraus ein kleiner Beitrag, eine wesentliche Voraussetzung für die Wiedergewinnung von Leben zu finden, nämlich Arbeitswelt und Familienzeit zu versöhnen.

Gestalten wir unsere eigene Lebenswelt so, dass es der Generation, die uns beobachtet, Mut macht, einen Kinderwunsch auszubilden und aufrecht zu erhalten; wenn die heutige Eltern- und Großelterngeneration so lebt, dass Familie als lebenswerter Erfahrungsraum erkannt wird, wird die Gesellschaft den Zugang zum Leben nicht verlieren!

Der Beitrag erschien in unserer Zeitung 2012/1 und fußt teilweise auf einem Vortrag, den der Verfasser bei der Ministerkonferenz der Familienminister des Europarats 2009 gehalten hat.

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