Stellungnahme zum umstrittenen Gerichtsurteil zur Leihmutterschaft

Nach dem jüngst erteilten Urteil eines Tiroler Bezirksgerichts zu einem Fall von Leihmutterschaft sind wir mit teils heftigen Reaktionen konfrontiert. Das Gericht hatte entschieden, dass Paare, die über den Weg einer ausländischen Leihmutter zu Eltern werden, in Österreich als Mutter und Vater anzuerkennen sind. In der Praxis würde dadurch das bestehende österreichische Leihmutterschaftsverbot ausgehebelt.
Unser Nein zur Leihmutterschaft rührt nicht aus Verständnislosigkeit für das Leiden von unfreiwillig kinderlosen Paaren, sondern aus dem Wissen um die Hintergründe und dem Mitgefühl für die Kinder und die Frauen, die als Leihmütter arbeiten.

Wir verstehen sehr gut das Leid von Paaren, die sich sehnlichst ein Kind wünschen und auf natürlichem Weg keines bekommen können. Verwandte, Freunde, Mitarbeiterinnen, Bekannte in unserem Umfeld und unter unseren SpenderInnen sind unter ihnen, vertrauen sich uns an und tauschen sich mit uns aus. Einige haben mit Hilfe von In-vitro-Fertilisation Kinder bekommen, einige sind wieder ausgestiegen und blieben kinderlos. Andere sind Eltern von Adoptivkindern und Pflegekindern geworden. Leihmutterschaft ist für sie aber eine absolute Grenze gewesen, obwohl ihr Leid genauso tief ist wie jener Paare, die Leihmütter engagieren.

Nicht nur die Situation ungewollt kinderloser Paare, sondern auch die Folgen für Kinder und Frauen, die als Leihmütter arbeiten, machen betroffen.
Ungewollt kinderlose Paare sind oft nicht in der Lage zu sehen, was Leihmutterschaft bedeutet. Daher müssen die Staaten und Menschen, die informiert sind, die Aufgabe übernehmen, alle Beteiligten zu sehen und die Folgen darzustellen. Leihmutterschaft ist keine private Angelegenheit, denn diese Technik braucht vertragliche Regelungen, VermittlerInnen von Leihmüttern, Kliniken, Marketing-Abteilungen mit Werbebudget, RechtsanwältInnen und Gerichte, da viele Menschen mit Geld grenzüberschreitend beteiligt sind.
Paare, die Leihmutterschaft wollen, brauchen viele andere Menschen und sie brauchen Frauen, deren Körper sie benutzen können und die viele riskante medizinische Behandlungen über sich ergehen lassen, über die sie in der Regel selten ausreichend informiert werden. Zudem werden dadurch gesunde Frauen zu Patientinnen gemacht – auch das ist keine Privatsache, in die Gesundheit anderer Menschen einzugreifen.
In der Regel sind zu all dem vor allem Frauen aus sehr armen Ländern bereit. Die Ukraine z.B. ist eines der ärmsten Länder Europas. Es ist kein Wunder, dass Leihmutterschaft dort boomt und Kliniken kommerziell sehr erfolgreich sind! Sie müssen den Frauen wenig bezahlen und können Wunscheltern aus reichen Ländern wie Österreich und Deutschland viel Geld abnehmen.

Wie läuft eine Leihmutterschaft ab?
Die Leihmutter muss hormonell stimuliert werden, damit ihr zum richtigen Zeitpunkt ein Embryo oder mehrere Embryonen eingesetzt werden können. Diese Stimulation ist immer riskant. Selten wird sie mit ihrer eigenen Eizelle schwanger, sondern mit der einer anderen Frau oder der Eizelle der Frau, die das Kind bestellt. Oft sind mehrere Versuche und Hormonstimulationen nötig, bis sich eine befruchtete Eizelle überhaupt einnistet. Wird eine Frau mit fremden Eizellen schwanger, kommt es zu oft heftigen Immunreaktionen bei der Frau, das Risiko für Präeklampsie liegt bei 23 bis 28 Prozent. Bei normalen Schwangerschaften liegt das Risiko bei 5 bis 7 Prozent! Schwangerschaften mit fremden Eizellen sind immer Risikoschwangerschaften und führen häufig zu Fehlgeburten, sodass ein Paar oft mehrere Leihmütter beansprucht, bis ein gesundes Kind zur Welt kommt. Fast immer muss sich die Leihmutter auch verpflichten, dass das Kind abgetrieben wird, falls vorgeburtlich eine Behinderung festgestellt wird. Es nimmt nicht das Kinderwunsch-Paar vieles auf sich, sondern die Leihmutter muss alle Risiken auf sich nehmen und bleibt hinterher oft allein!

Was fühlt die Leihmutter?
Massiv unterschätzt wird auch die Psyche. Es ist einfach nicht wahr, dass eine Frau neun Monate nur Gefäß für ein Kind sein kann, ohne Gefühle zu entwickeln. Jede Frau, die schwanger war, weiß das. Während der Schwangerschaft ist die Psyche der Frau, der Körper der Frau auf Bindung ausgerichtet ... die Hormone arbeiten dafür, alle Systeme, die Brüste werden fürs Stillen vorbereitet.
Eine Frau, die als Leihmutter fungiert, muss daher entweder täglich gegen ihre Bindungsbereitschaft kämpfen oder ihr Gefühl für das Baby, das in ihr heranwächst, abspalten. Was für ein Schmerz, das natürliche Bindungsbestreben unterdrücken zu müssen. Das heißt, ihrer Seele wird zugemutet, gegen sich selbst zu arbeiten. Das macht massiven Stress. Sie könnte ihr Baby aber sonst nicht hergeben bei der Geburt. Wir wissen von Müttern, die ihr Kind zur Adoption freigaben, welch Schmerz das ist und welche Leere dies in ihnen hinterlässt. Mit ihrem Trennungsschmerz bleiben sie völlig allein – sie bekommen ja Geld und sollen zufrieden sein!

Schauen wir bitte auch auf das Kind:
Wir wissen heute so gut wie nie zuvor aus der Wissenschaft, dass in der Schwangerschaft die Grundlagen für die leibliche und seelische Gesundheit eines Kindes geschaffen werden. Das Kind braucht für seine Entwicklung mehr als gesund ernährte Mütter. Es braucht das über die Hormone vermittelte Gefühl, wahrgenommen und angenommen zu sein. Es braucht das Reden mit ihm und das Streicheln über den Bauch, das von Herzen kommt. Es spürt Freude ebenso wie Stress. Und seine Mutter hat massiven Stress: ein gesundes Kind austragen, es darf nichts schiefgehen, meine Familie darf nichts erfahren, von meinen eigenen bereits geborenen Kindern bin ich getrennt, nur keine zu enge Beziehung aufbauen ... Das Kind wiederum wird um sein wesentlichstes Grundbedürfnis gebracht: eine verlässliche Bindung schon im Mutterleib zu erfahren.
Wenn das Kind nach der Geburt zu einer fremden Person kommt, dann ist das so, als würde die einzige Person, die es kennt und liebt, sterben: seine Mutter. Die Mutter ist die einzige Person, die es von Anfang an kennt. Es gerät in Schock und erfährt ein Trauma.
Und mit diesem Schock und Trauma bleibt das Kind allein, denn es ist ja ein sehr „erwünschtes" Kind – allerdings von ihm fremden Personen. Seinen Verlust will niemand verstehen. Das Kind wird als Objekt betrachtet.
Was passiert denn bei einer Geburt? Das Kind muss einen vollkommenen Daseins-Wechsel verkraften. Es kommt auf einen anderen „Planeten" – alles ist fremd: das Licht, die Temperatur, die Schwerkraft. Es muss atmen und viele Regulationen lernen. Die Person, an die es anknüpfen kann, deren Geruch und deren Herzschlag das Baby kennt, wird ihm genommen. Normalerweise schaffen wir Menschenkinder den Daseinswechsel gut, weil unsere Mütter da sind. So lernen wir wieder Vertrauen. Ein Leihmutter-Baby hat das nicht. Es bleibt mit dem tiefen Gefühl zurück, verlassen worden zu sein. Zudem muss es in der Regel auch noch einen medizinisch nicht notwendigen Kaiserschnitt verkraften. Noch ein Schock. Kaiserschnitte werden gemacht, damit es nicht zur Ausschüttung von weiteren Bindungshormonen kommt, die während einer vaginalen Geburt in hohem Maß produziert werden. Es soll mit allen Mitteln verhindert werden, dass die Leihmutter das Kind vielleicht nicht hergibt.

Mein Mitgefühl liegt daher auch sehr bei den Babys und den Frauen, deren Armut ausgenutzt wird und die als Gefäß für bestellende Eltern betrachtet werden, ohne ihre Gefühle sehen zu wollen. Und deren Körper Behandlungen ausgesetzt werden, die sie nicht brauchen.

Leihmutterschaft ist zudem ein Verstoß gegen Kinderrechte, sie ist Kinderhandel. Das Kind ist Gegenstand von Verträgen und Handelsbeziehungen und wird gegen Geld den Auftragseltern ausgehändigt. Es muss Qualitätskriterien entsprechen und häufig das richtige Geschlecht haben. Bezahlt wird nach Lieferung.
Die Auftragseltern erzählen den Kindern oft nicht, woher es kommt. So wird es auch noch um sein Recht auf eine eindeutige Identität und Kenntnis seiner Herkunft gebracht. Und es darf nicht bei seiner leiblichen Mutter aufwachsen, auch dies ist ein Kinderrecht.
Leihmutterschaft verstößt gegen Frauenrechte, nicht ausgebeutet zu werden und gegen das Recht der körperlichen Unversehrtheit.

Es ist nicht schön, hinter die Fassade von Leihmutterschaft zu blicken, das wollen nur wenige. Dabei konnte ich nur einen Bruchteil dessen schildern, was sich international abspielt und wie viele Milliarden mit dem Leiden kinderloser Paare und der Armut von Frauen umgesetzt werden. Es sind auch schon mehrere Leihmütter gestorben. Mehr dazu auf www.leihmutterschaft.at, www.stoppt-leihmutterschaft.at und in dem Buch „Babys auf Bestellung" von Eva Maria Bachinger.

Dr. Johann Hager (Präsindent aktion leben österreich) und Martina Kronthaler (Generalsekretärin aktion leben österreich)

 

www.leihmutterschaft.at

Leihmutterschaft: Ein Geschäft, das Milliarden bringt - Artikel in Tiroler Tageszeitung vom 8.12.2019

 

Volltextsuche

Schwanger?
Wir sind für Sie da!

ISD Wohnheim Innere Stadt
Innrain 39, Innsbruck

Dienstag, 14.00 - 16.00 Uhr
mit Voranmeldung

Dienstag, 16.00 - 17.00 Uhr
Journaldienst ohne Voranmeldung

Geänderte Öffnungszeiten in den Sommerferien siehe Startseite!

mehr dazu

aktion leben tirol

Riedgasse 9
A-6020 Innsbruck, Tirol
Telefon: +43 512 2230-4090
Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag 8.00 - 12.00 Uhr
Donnerstag 8.00 - 12.00 und 14.00 - 17.00 Uhr
und nach Vereinbarung

Geänderte Öffnungszeiten in den Sommerferien siehe Startseite!

email

Spendenkonto

IBAN:
AT52 3600 0000 0060 4991
BIC: RZTIAT22

powered by webEdition CMS